Exklusiv für Abonnenten

Studie der TU Darmstadt

Künstliche Intelligenz erlernt menschliche Moral

Künstliche Intelligenz (KI) übersetzt Texte, schlägt Behandlungen für Patienten vor, trifft Kaufentscheidungen und optimiert Arbeitsabläufe. Aber wo ist ihr moralischer Kompass? Eine Studie des Centre for Cognitive Science der TU Darmstadt zeigt, dass KI-Maschinen von Menschen lernen können, wie Entscheidungen in moralischen Fragen zu fällen sind.

Advantages and disadvantages of modern technologies. A pair of white robots dressed like an angel and a devil / flat editable vector illustration, clip art (Bild: TU Technische Universität Darmstadt)

(Bild: ©nadia_snopek/Fotolia.com )

KI ist von zunehmender Bedeutung in unserer Gesellschaft. Von selbstfahrenden Autos auf öffentlichen Straßen über selbst-optimierende, industrielle Produktionssysteme bis hin zur Altenpflege und der Medizin – KI-Maschinen bewältigen immer komplexere menschliche Aktivitäten auf immer autonomere Weise. Und in Zukunft werden autonome Maschinen in immer mehr Bereichen unseres täglichen Lebens auftauchen. Zwangsläufig werden sie dabei mit schwierigen Entscheidungen konfrontiert.

Zeit totschlagen, aber keine Menschen

Ein autonomer Roboter muss wissen, dass er Menschen nicht, Zeit aber sehr wohl totschlagen darf. Er muss wissen, dass man Brot toastet, jedoch keine Hamster. KI braucht also einen menschenähnlichen Moral-Kompass. Aber kann sie einen solchen Kompass von uns Menschen überhaupt erlernen? Forscher aus Princeton (USA) und Bath (UK) hatten bereits auf die Gefahr hingewiesen, dass KI bei unreflektierter Anwendung kulturelle Stereotype oder Vorurteile aus Texten erlernt: Beispielsweise wurden weibliche Namen eher mit Kunst und männliche Namen eher mit Technik verknüpft. Die künstliche Intelligenz zieht diese Vorurteile aus sehr großen Textmengen aus dem Internet. Diese werden benutzt, um neuronale Netzwerke so zu trainieren, dass sie die Bedeutung von Wörtern in Koordinaten, also Punkte, in einem hochdimensionalen Raum ‘übersetzen’. Die semantische Nähe zweier Wörter zueinander kann dann durch die Distanz ihrer Koordinaten, die sogenannten Worteinbettungen, ausgedrückt werden. So lassen sich komplexe semantische Zusammenhänge durch Arithmetik berechnen und beschreiben. Das gilt nicht nur für das unverfängliche Beispiel ‘König – Mann + Frau = Königin’, sondern auch für das diskriminierende ‘Mann – Technik + Kunst = Frau’.

Richtiges und falsches Handeln lernen

Einem Team um Professor Kristian Kersting und Professor Constantin Rothkopf am Centre for Cognitive Science der TU Darmstadt ist es nun gelungen zu zeigen, dass auch deontologische, ethische Überlegungen über richtiges und falsches Handeln aus großen Textdatenmengen gelernt werden können. Dazu erstellten die Wissenschaftler Listen von Frage-Antwort-Schemata für verschiedene Handlungen. Die Fragen lauten z.B. “Sollte ich Menschen töten?” oder “Sollte ich Menschen ermorden?”, die möglichen Antworten beispielsweise “Ja, sollte ich”, “Nein, sollte ich nicht”. Durch die Analyse von Texten menschlichen Ursprungs bildete das KI-System im Experiment dann eine menschenähnliche, moralische Ausrichtung heraus. Das System berechnet die Einbettungen der gelisteten Fragen und möglichen Antworten im Textkorpus und prüft, welche Antworten aufgrund aller Nennungen näher bei den Fragen stehen, also gemeinhin als moralisch korrekt angesehen werden dürften. So lernte die künstliche Intelligenz im Experiment, dass man nicht lügen sollte und dass es besser ist, seine Eltern zu lieben, als eine Bank auszurauben. Und ja, man soll Menschen nicht töten, es ist aber in Ordnung, Zeit totzuschlagen. Die Untersuchung liefert ein wichtiges Indiz für eine grundlegende Frage der künstlichen Intelligenz: Können Maschinen einen Moral-Kompass entwickeln? Und wenn ja, wie kann man Maschinen effektiv unsere Moral ‘beibringen’? Die Ergebnisse zeigen, dass Maschinen unsere Werte widerspiegeln können. Sie können menschliche Vorurteile übernehmen, sie können aber auch durch das ‘Beobachten’ von Menschen und den von ihnen geschriebenen Texten Moralvorstellungen übernehmen. Die Untersuchung von Einbettungen von Fragen und Antworten kann als Methode gleichsam wie ein Mikroskop verwendet werden, um die moralischen Werte von Textsammlungen und auch den zeitlichen Verlauf von Moralvorstellungen in der Gesellschaft zu untersuchen. Die Erkenntnisse aus der Studie können künftig einen wichtigen Beitrag leisten, wenn es darum geht, maschinell gelernte Inhalte in Systeme einzubauen, die Entscheidungen treffen müssen.

Das könnte Sie auch interessieren

61 Prozent der Unternehmen in Deutschland wollen laut einer Bitkom-Befragung per Cloud interne Prozesse digitalisieren, vor einem Jahr waren es nur 45 Prozent. Mittelfristig wollen die Unternehmen mehr als 50 Prozent ihrer Anwendungen in die Cloud verlagern.‣ weiterlesen

Mit generativer KI erlebt 'Right Brain AI', also eine KI, die kreative Fähigkeiten der rechten menschlichen Gehirnhälfte nachahmt, derzeit einen rasanten Aufstieg. Dieser öffnet aber auch die Tür für einen breiteren Einsatz von eher analytischer 'Left Brain AI'. Das zeigt eine aktuelle Studie von Pegasystems.‣ weiterlesen

Um klima- und ressourcengerechtes Bauen voranzubringen, arbeiten Forschende der Bergischen Universität Wuppertal in ihrem Projekt TimberConnect an der Optimierung von digitalen Prozessen entlang der Lieferkette von Holzbauteilen. Ihr Ziel ist unter anderem, digitale Produktpässe zu erzeugen.‣ weiterlesen

Rund zwei Drittel der Erwerbstätigen in Deutschland verwenden ChatGPT und Co. zumindest testweise, 37 Prozent arbeiten regelmäßig mit KI-Anwendungen. Doch auch Cyberkriminelle machen sich vermehrt die Stärken künstlicher Intelligenz zunutze - mit weitreichenden Folgen.‣ weiterlesen

Erstmals seit der Energiekrise verzeichnet der Energieeffizienz-Index der deutschen Industrie mit allen drei Teilindizes (die Bedeutung, Produktivität und Investitionen betreffend) einen leichten Rückgang. Mögliche Gründe erkennt EEP-Institutsleiter Professor Alexander Sauer in der Unsicherheit und der drohenden Rezession, der dadurch getriebenen Prioritätenverschiebung und der Reduktion von Produktionskapazität.‣ weiterlesen

Mehr als jedes dritte Unternehmen wurde in den letzten zwei Jahren Opfer von Cyberkriminalität - am häufigsten durch Phishing, Attacken auf Cloud-Services oder Datenlecks. Dies geht aus einer Studie des Beratungsunternehmens KPMG hervor. Darin schätzt der Großteil der befragten Unternehmen das eigene Risiko als hoch oder sehr hoch ein.‣ weiterlesen

Wie kann man die virtuelle Realität (VR) haptisch, also durch den Tastsinn, erfahrbar machen? Der Saarbrücker Informatiker André Zenner ist in seiner Doktorarbeit der Antwort auf diese Frage ein großes Stück nähergekommen - indem er neue Geräte erfunden und die passende Software dazu entwickelt hat.‣ weiterlesen

Mit dem TechnikRadar untersuchen Acatech, die Körber-Stiftung und das Zentrum für Interdisziplinäre Risiko- und Innovationsforschung der Universität Stuttgart jährlichen, wie sich die Technikeinstellungen in der Bevölkerung in den letzten Jahren verändert haben und dass die Deutschen im Vergleich mit ihren europäischen Nachbarn Technik differenzierter bewerten. Die Daten aus den seit 2017 regelmäßig durchgeführten Repräsentativumfragen lassen einen Längsschnittvergleich zu – und dieser zeigt: In einigen zentralen Fragen haben sich ältere und jüngere Menschen in Deutschland stetig voneinander entfernt. ‣ weiterlesen

Die Einführung generativer künstlicher Intelligenz ist oft mit Herausforderungen verbunden, etwa wenn es um den Datenschutz geht. Für die Industrie verspricht die Technologie jedoch Potenziale, sofern richtig eingesetzt. Die APPL-Firmengruppe nutzt GenAI beispielsweise, um Maschinenstörungen abzustellen.‣ weiterlesen

86 Prozent sehen die Digitalisierung grundsätzlich positiv. Dennoch fühlen sich laut einer Befragung von Bitkom Research 41 Prozent häufig überfordert. Auch schätzt eine Mehrheit das Land als digital gespalten ein. ‣ weiterlesen

Eine aktuelle Studie von Protolabs, zu der mehr als 700 Ingenieure weltweit befragt und Daten der Industrie ausgewertet wurden, zeigt den aktuellen und künftigen Zustand der additiven Fertigung auf. Demnach wächst der Markt sogar schneller als bisher angenommen.‣ weiterlesen