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65 Prozent planen Zukäufe

Fusionen und Übernahmen trotz Abschwung

80 Prozent der deutschen Großunternehmen rechnen mit einem Konjunkturabschwung bis spätestens 2022, so eine Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young. Die Bereitschaft zu Fusionen und Übernahmen steigt in Deutschland jedoch auf Rekordniveau.

(Bild: ©itchaznong/AdobeStock.com)

Deutsche Großunternehmen sehen immer pessimistischer in die Zukunft: Zwar gehen noch zwei von drei (68 Prozent) Unternehmen davon aus, dass sich die Weltwirtschaft kurzfristig, also etwa bis Jahresende, positiv entwickelt. Aber mittelfristig überwiegt eindeutig der Pessimismus: 80 Prozent der deutschen Großunternehmen rechnen mit einer Eintrübung der Wirtschaftslage bis spätestens 2022. Weltweit ist die Stimmung in der Wirtschaft deutlich besser: Von den 2.600 weltweit befragten Unternehmen rechnet nur knapp die Hälfte (46 Prozent) mit einer mittelfristigen Konjunktureintrübung. Trotz der zunehmenden Besorgnis gerade unter deutschen Managern erreicht der Übernahmeappetit einen neuen Höchststand: 65 Prozent der befragten Unternehmen in Deutschland planen, in den kommenden zwölf Monaten Zukäufe zu tätigen – der höchste Wert seit dem Jahr 2010, als die Befragung zum ersten Mal durchgeführt wurde. Weltweit ging der Anteil zwar ebenfalls nach oben, liegt mit 52 Prozent aber noch deutlich unter dem Spitzenwert von 2015, als 59 Prozent der Unternehmen Zukäufe tätigen wollten. Das sind Ergebnisse des aktuellen ‘Capital Confidence Barometer’ der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY (Ernst & Young). Basis der Studie ist eine Umfrage unter 2.600 Managern in Großunternehmen weltweit, davon 144 in Deutschland.

Flucht nach vorn

“Am Konjunkturhimmel ziehen dunkle Wolken auf, gerade die deutschen Unternehmen stehen vor großen Herausforderungen, vor allem in Schlüsselindustrien wie dem Automobil- oder Maschinen- und Anlagenbau. Sie leiden unter dem weltweit nachlassenden Wirtschaftswachstum, zunehmenden Handelshemmnissen und den internationalen geopolitischen Spannungen. Obendrein bedrohen ein rasanter technologischer Wandel, die zunehmende Regulierung und neue, aggressive Wettbewerber die Geschäftsmodelle vieler deutscher Konzerne”, sagt Constantin M. Gall, Partner und Leiter des Bereichs Transaction Advisory Services bei EY in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Statt den Kopf in den Sand zu stecken und auf bessere Zeiten zu hoffen, tun viele deutsche Unternehmen genau das Richtige, so Gall: “Sie halten in dieser Situation nicht etwa ihr Geld zusammen und setzen rein defensiv auf Sparen. Im Gegenteil: Erstaunlich viele Unternehmen treten die Flucht nach vorn an und betreiben eine aktive Portfoliopolitik. Dazu gehört auch, dass sie bereit sind, sich von Geschäftsfeldern zu trennen, die traditionell zum Kerngeschäft gezählt wurden. Und dass an anderer Stelle hohe Summen in Zukäufe in zukunftsträchtige Geschäftsmodelle – auch außerhalb der angestammten Bereiche – investiert werden.”

Gall beobachtet derzeit ein Nebeneinander von Effizienz- und Kostensenkungsmaßnahmen auf der einen und steigenden Innovationsausgaben auf der anderen Seite: “Etliche Unternehmen haben einen harten Sparkurs mit Stellenstreichungen und Werksschließungen eingeschlagen – und tätigen gleichzeitig hohe Investitionen in neue Geschäftsfelder und Technologien. Insbesondere die Fähigkeit zu Coopetition, also einer strategischen Allianz oder Kooperation unter Wettbewerbern, wird in diesen Bereichen ein Schlüsselfaktor für nachhaltigen Erfolg sein.” Wie stark der Zwang zur Veränderung ist, sei derzeit etwa in der Automobilindustrie zu sehen, die sich angesichts des Trends zu alternativen Mobilitätskonzepten wie z.B. der Elektromobilität und der anstehenden Investitionen etwa in autonomes Fahren neu sortiere, so Gall: “Einige Unternehmen müssen nun über den eigenen Schatten springen und bereit sein, Fusionen oder Allianzen auch mit langjährigen Konkurrenten einzugehen.” Diesem Trend werden sich die deutschen Großunternehmen nicht entziehen können – sie werden sogar vorn dabei sein müssen, erwartet Gall. “Viele Unternehmen sind gezwungen, so rasch wie möglich das Produktportfolio abzurunden und neue Expertise sowie Technologien an Bord zu bekommen – und das geht am schnellsten durch Übernahmen bzw. Coopetition – letzteres müssen insbesondere die deutschen Unternehmen kulturell noch bewerkstelligen.”

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